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Goldmedaille

[Übernahme des leicht gekürzten Berichts aus dem Vereinsheft 'Stern' des

Kölner RV 1877 e.V/ einer Ausgabe von 2006]

 

Goldmedaille für Hans-Jürgen Keens und Ingo Kölsch

bei den Outgames in Kanada

 

Alle Wege von Köln nach Kanada führen über Berlin. Dies war tatsächlich so im Falle des erfolgreichen 77er Hans-Jürgen Keens. Ein Weg, an dessen Ende die hart erkämpfte Goldmedaille im Zweier mit dem Berliner Ingo Kölsch vom Friedrichshagener Ruderverein bei den 1. World Outgames 2006 in Montréal stehen sollte.

Aber bis zum Tag der Wahrheit, gab es eine lange und dennoch fröhliche Trainingszeit in Köln und Berlin, die beiden viel abverlangte. Was tun, wenn man bei einer internationalen Regatta rudern will und kein Partner in Sicht ist? Einer, der die Strapazen eines harten Trainings übersteht und bereit ist, in Übersee das Risiko einzugehen, nicht unbedingt unter den Erstplatzierten anzukommen?

 

So fand Hans-Jürgen den Berliner Ingo Kölsch, einen leidenschaftlichen Sportler und lebenslustigen Menschen. Einer, der bereits in den Zeiten der DDR gezeigt hatte, dass man sich nicht von Umständen vom Ziel abbringen lassen soll, egal wie widrig sie sein mögen. Als Ruderer ist Ingo ein erfahrener und engagierter Zeitgenosse. Er ist Mitgründer von Queerschlag, den Namen, den der Film `“Sommersturm“ übernommen hat.

 

Zwei wichtige Herausforderungen waren zu meistern: erstens die 626 Kilometer zwischen Köln und Berlin, zweitens die unterschiedlichen Ruderstile. Für die deutliche Verkürzung der Entfernung zur Hauptstadt sorgte Köln als wichtiger Standort der preisgünstigen Fluglinien. So konnte Hans-Jürgen oft nachmittags um 15 Uhr von Köln aus gen Berlin starten und abends um 23 Uhr wieder guten Gewissens ins Bett gehen - in der Kölner Südstadt versteht sich.

 

Dazwischen lagen der Hin- und Rückflug, die Fahrten zur Regatta-Strecke in Grünau (übrigens für jene unseligen Olympischen Spiele von 1936 gebaut!), im Südosten Berlins und zwei hochkonzentrierte Trainingsstunden. Aber auch Ingo flog mehrmals von Schönefeld aus mit Destination Regattastrecke Fühlinger See, um an rheinischen Gewässern für „unser Einheitsrennen“ zu rudern.

 

Die zweite Hürde, die es zu bewältigen galt, waren die „historisch bedingten“ verschiedenen Ruderstile. Ingo rudert „Ost“, zieht also links vor rechts, und Hans-Jürgen „West“, rechts vor links. Da haben die eifrigen Ruderer spätestens begriffen, dass die viel beschworene Wiedervereinigung doch schwieriger sein kann, als man es selber für möglich hält. Die unterschiedlichen Ruderarten sind in einem Rennboot der Stabilität nicht unbedingt förderlich. Selten stand die Einheit so wackelig.

 

Aber so wie es Unterschiede gab, gab es in der Zusammenarbeit zwischen Hans-Jürgen und Ingo viel Ergänzendes. Viele Kunstgriffe der Technik waren ein unschätzbarer Beitrag Ingos zum Sieg. Genauso waren viele kräftigeren Schläge Hans-Jürgens nach vorne wichtig für so etwas Schönes wie einen ersten Platz in der vom Weltverband FISA ausgerichteten Regatta.

 

Die World Outgames fanden vom 29. Juli bis 5. August in Montréal statt. Eine – auch von Einheimischen zugegeben – etwas unaufgeräumte, aber höchst sympathische Stadt mit Einwohnern, die den 10.248 Sportlern in 35 Sportarten aus 111 Ländern zeigten, dass sie stolz waren, mit Menschen aus aller Welt die ersten Outgames zusammen zu erleben. Die Zahl von 5.200 Freiwilligen zeugte in der Tat von Begeisterung und tadelloser Organisation. Nicht umsonst war Montréal im Rahmen der Spiele ebenso Austragungsort der ersten internationalen LGBT-Menschenrechtskonferenz mit über 300 Abgeordneten aus vielen Teilen der Welt und der Teilnahme der UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, Louise Arbour.

 

Der 31.Juli in Montréal war einer dieser perfekten Tage, an denen alles stimmt. Strahlender Sonnenschein bei 25° und einer wahrhaften olympischen Kulisse: die für die Olympischen Spiele 1976 gebaute Regattastrecke im Parc Jean-Drapeau an der île Sainte-Hélène am alten Hafen der größten frankophonen Stadt der Welt nach Paris.

„M C 2x, 1.000 Meter, Kölsch / Keens, Bahn 6“, stand auf der gigantischen Anzeigetafel. Da stand also, ganz offiziell - weiß auf schwarz - die Aufgabe, die es zu meistern galt. Mannschaften aus Kanada und den Vereinigten Staaten besetzten die anderen Bahnen.

 

Konzentriert aber entspannt übernahmen Keens und Kölsch schon in den ersten 100 Metern die Führung, um diese nicht mehr aus der Hand zu geben. Bei 3:39,97 stoppten die Uhren. Goldmedaille für Deutschland!

 

Etwas wurde Hans-Jürgen nach diesem wunderbaren Abenteuer in Kanada klar: es reichen nicht nur Technik, Stil und Kraft, um mit einem Boot ein Ziel zu erreichen. Es gibt vielleicht etwas noch Wichtigeres: „Die Harmonie innerhalb der Mannschaft, auf dem Wasser, aber auch an Land. Erst dann macht das Rudern richtig Spaß. Dann ist Gold mehr als eine Medaille wert.“

 

Text: José Ospina-Valencia

 

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